Das vergessene Netzwerk unseres Körpers

31. Mär 2026

Viele haben den Begriff schon einmal gehört. Doch nur wenige wissen wirklich, welche enorme Rolle Faszien für Beweglichkeit, Haltung und Wohlbefinden spielen. Faszien-Experte und Primefocus-Geschäftsführer Matthias Heger erklärt, weshalb Bewegung, Ernährung und mentale Balance gemeinsam betrachtet werden müssen, um Faszien zu lockern.


Faszien sind seit einigen Jahren ein großes Thema in der Gesundheitswelt. Wissen die Menschen heute wirklich, was Faszien sind?
Viele haben den Begriff gehört, aber nur wenige wissen wirklich, was dahintersteckt. Faszien sind ein sehr komplexes Netzwerk im Körper. Sie verbinden Muskeln, Organe und Strukturen miteinander und bilden so etwas wie ein Rückkopplungssystem für Haltung, Spannung und Bewegung. Wenn in diesem System etwas aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das im gesamten Körper bemerkbar machen.

Die meisten sprechen bei Beschwerden sofort von Schmerzen. Sie verwenden stattdessen den Begriff Restriktionen. Warum?

Schmerz ist oft nur das Symptom. Ich spreche lieber von Restriktionen, also von Einschränkungen im Gewebe. Wenn Faszien ihre Elastizität verlieren oder verkleben, entstehen Spannungen. Diese Spannungen können Bewegungen einschränken oder Beschwerden verursachen. Die eigentliche Aufgabe besteht deshalb darin, die Ursachen im Gewebe zu verstehen und zu lösen – nicht nur das Symptom zu behandeln.

Sie arbeiten mit einem ganzheitlichen Ansatz. Was bedeutet das konkret?
Wir betrachten Faszien nicht isoliert. Natürlich gibt es manuelle Faszienbehandlungen, mit denen man gezielt Spannungen lösen kann. Aber genauso wichtig ist, was von innen passiert. Dazu gehört eine Ernährungsdiagnostik, die auf zellulärer Ebene arbeitet. Außerdem spielt Bewegung eine zentrale Rolle. Natürliche Bewegung ist immer noch eine der besten Therapien überhaupt.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Ursachen für Probleme mit den Faszien?
Bewegungsmangel steht ganz oben auf der Liste. Viele Menschen sitzen heute einen Großteil des Tages – im Büro, im Auto oder zu Hause. Der Körper gewöhnt sich daran und interpretiert das Sitzen irgendwann als Normalzustand. Dabei ist der menschliche Körper eigentlich für Bewegung gemacht. Hinzu kommen einseitige Belastungen und häufig auch eine ungünstige Ernährung.

Viele versuchen inzwischen, im Büro mehr zu stehen. Ist das eine gute Lösung?
Stehen ist sicher besser als dauerhaftes Sitzen, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Entscheidend ist Variation. Der Körper liebt Abwechslung. Mal sitzen, mal stehen, sich zwischendurch bewegen. Ich empfehle zum Beispiel flexible Arbeitsplätze, bei denen man regelmäßig die Position wechseln kann. Auch Sitzbälle oder kurze Bewegungspausen können helfen.

Sie plädieren schon lange für mehr Bewegung im Unterricht oder am Arbeitsplatz – und bleiben oft ungehört. Was passiert da mit dem Körper?
Der Körper ist bekanntlich nicht dafür gemacht, acht Stunden still zu sitzen. Wenn Menschen sich zwischendurch bewegen dürfen, sind sie konzentrierter und leistungsfähiger. Das gilt für Schüler genauso wie für Erwachsene im Büro. Bewegung steigert nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Produktivität.

Welche konkrete Rolle spielt Ernährung für die Faszien?
Eine größere, als viele denken. Faszien bestehen aus Bindegewebe und reagieren auf die Nährstoffversorgung. Wichtig ist eine ausgewogene Ernährung. Extreme Ernährungsformen bringen selten langfristige Vorteile. Auch Kohlenhydrate spielen eine Rolle, weil sie dazu beitragen, dass das Gewebe gut versorgt bleibt und besser gleiten kann. Entscheidend ist immer die Balance.

Und die psychischen Faktoren?
Der Körper funktioniert nie isoliert. Phisische und psychologische Faktoren gehören immer zusammen. Stress oder dauerhafte Belastung können Spannungen im Körper verstärken. Deshalb betrachten wir den Menschen immer als Ganzes.

Wenn Sie Faszien behandeln – wie fühlt sich das für Patienten eigentlich an?
Viele denken zuerst an eine klassische Massage, aber das ist es nicht. Die Arbeit ist oft viel feiner. Man spürt über die Haut die Spannung im Gewebe und versucht dann, Bewegung und Flüssigkeit wieder in die verschiedenen Gewebeschichten zu bringen. Ich erkläre Faszien gerne mit einem Bild: Man kann sie sich wie ein Spinnennetz im Morgentau vorstellen. Es ist elastisch, glänzt und bewegt sich leicht im Wind. So sollte Fasziengewebe sein. Wenn es austrocknet oder zu starr wird, verliert es diese Beweglichkeit.

Was ist Ihr wichtigster Tipp für unsere Leser?

Bewegung in den Alltag integrieren. Nicht nur einmal pro Woche Sport, sondern viele kleine Bewegungen über den Tag verteilt. Aufstehen, gehen, die Position wechseln. Faszien lieben Bewegung. Wer seinem Körper diese Vielfalt gibt, kann sehr viel für Gesundheit und Wohlbefinden tun.

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